Forschendes Studieren am FB09

von Christina v. Behr

Der Schlüssel zum Forschenden Lernen liegt für Lehrende wie Lernende in der Haltung zu ihrem eigenen Tun - in der Metaphorik Ludwig Hubers meint dies eine "nach oben streckende Haltung des Fragens, der Neugier, der Offenheit" (vgl. Huber, in: die hochschule, 2004) entgegen einer bloßen Wissensakkumulation oder der reinen Übernahme von Top-Down-vorformulierten Forschungsideen.

Für Lehrenden am Fachbereich 09 Kulturwissenschaften bedeutet es, die eigene Forschungsorientierung in die Lehre zu integrieren und gleichzeitig die Studierenden in ihrer Forschungsneigung und -Tätigkeit zu unterstützen. Lehrende am Fachbereich 09 können aus vielen Jahren der erfolgreichen Durchführung von zwei bis dreisemestrigen Projekten im alten Lehramts- und Magisterstudiums ihre Erfahrungen nutzen, Forschendes Lernen in die BA-/MA-Module zu integrieren und durch unterschiedliche Maßnahmen weiter zu entwickeln (siehe beispielhaft hierzu ForstA "Säule 2"). 

Forschendes Studieren ist ein sozialer Prozess, der maßgeblich von der gegenseitigen Beziehung der Lehrenden und Studierenden getragen wird. Margrit Kaufmann und Henning Koch haben hierfür die Begriffe der "Kompliz_innen"schaft und des "Team-Play" geprägt (vgl. Kaufmann/Koch, in: Ungleichheitssensible Hochschullehre, 2015). Soziale Interaktion und die Begleitung des Forschungsweges im Ganzen oder in Teilschritten (Tremps Vorstellung des "Zürcher Frameworks") ist eine spannende und intensive Arbeit für alle Beteiligten und führt Experten wie Huber dazu, Forschendes Lernen als zeit- und ressourcen-intensiv zu beschreiben.

Studierende der Kulturwissenschaft haben selbst im Rahmen ihrer Reflexion am "Tag der Lehre 2014" (Link zum Blog der Studierenden) dargelegt, dass Forschendes Lernen auch seitens der Studierenden Informationen über Möglichkeiten, Zeit und Ressourcen braucht und dass im Rahmen eines durchstrukturierten BA-Studiums daher häufig mehr Anleitungen benötigt werden. Zudem brauchen die Studierenden die Zeit, "ein von individuellen Interessen und Fragen geleitetes, engagiertes Studieren, das – wie jeder Forschungsprozess – auch das Risiko der Umwege und Irrtümer einschließt" zu entwickeln und zu verfolgen, wie die Arbeit von Bettina Henzler für den BA Kunst-Medien-Ästhetische Bildung gezeigt hat (Link zum Projektbericht).

Schon die Denkschrift der Bundesassistentenkonferenz (BAK, 1970) hat das Risiko für Umwege und Irrtümer als Merkmal einer aktivierenden Lehrmethode wie dem Forschenden Lernen benannt. Dazu gehören auch eine selbständige Wahl des Themas, die Entwicklung einer eigenen Strategie hinsichtlich der Methoden, Versuche, Recherchen, die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens, eine selbstkritische Prüfung der eigenen Position, Involviertheit und Hypothesen sowie die abschließende Bemühung der klaren Darstellung des Weges und der Ergebnisse.

So hat sich am Fachbereich 09 gezeigt, dass eine wichtige und elementare Maßnahme zur Umsetzung von Prozessen Forschenden Lernens in den Modulen schlichtweg die Bereitstellung von Zeit und Raum zum Austausch der Lehrenden ist. Es bedarf der Abstimmung der Lehrenden entweder
a) über einen gemeinsamen Inhalt quer zu den verschieden ausgerichteten Modulen eines Studienjahres oder aber
b) über eine sinnvolle Verteilung und gleichzeitige Verknüpfung der einzelnen Teilschritte eines studentischen Forschungsprozesses im gesamten Studienverlauf.
 
Erste Teilschritte (Teilschritte, vgl. Huber, in: die hochschule, 2004) wie das Auffinden, Strukturieren, Diskutieren vorhandener Informationen zu einer Fragestellung (Phase der Problemfindung/-definition) einhergehend mit der Einübung der kritischen Reflexion eines Forschungsstandes, lassen sich bereits in den Einführungsphasen des BA-Studiums sinnvoll initiieren.

Im weiteren Verlauf des Studiums gilt es dann Lernsituationen zu schaffen, die weitere Teilschritte des Forschungsprozesses integrieren: 

  • die Untersuchung konkreter Problemfälle bei einer notwendigen Offenheit der Ergebnisse (problem based / case oriented learning) , wie im Rahmen der Selbststudienmodule im Profilfach (M11 Kulturwissenschaft und Kommunikations-&Medienwissenschaft) und Master (M7 MA Religionswissenschaft, A4 MA Medienkultur) oder der Fachdidaktik-Module im Master of Education (bspw. Modul FD 2Gym P Religionspädagogik, M16 Kunstpädagogik)
  • die Erprobung von Methoden im Rahmen von Lehrveranstaltungen (Lehrforschung), wie in den Methodenmodulen ( BA Kulturwissenschaft, BA Kommunikations- und Medienwissenschaft), der empirischen Religionsforschung (M6 BA Religionswissenschaft), Modul M6 "Lehrforschungsseminare" (MA Religionswissenschaft), Modul D2 "Medienkulturforschung" (MA Medienkultur), Modul M6 Ethnographie und qualitative Methoden der Kulturforschung (MA Transkulturelle Studien)
  • die Möglichkeit der Einbindung von Hospitationen, Volontariaten in Forschungs-/Konstruktionslaboren, wie etwa für die Studierenden des IfEK an den "Laboren" der Lehrenden (z.B. NatureCulturesLab, 2016)
  • die Anwendung von Plan- und Simulationsspielen zur Antizipation von Problemen bzw. Problemlösungen im Rahmen des BA Kulturwissenschaft oder die Möglichkeit längerfristig angelegter Projektstudien, wie im Rahmen der Module zur "Projektarbeit und Forschungspraxis" im BA Kunst-Medien-Ästhetische Bildung (M5/M5b/M6 ) oder in den Vermittlungsmodulen des Master Kunst- und Kulturvermittlung
  • als abschließenden Teilschritt eigener Forschungen verstehen wir die Veröffentlichung und gegebenenfalls Präsentation der Ergebnisse, wie es Studierenden im Rahmen der Tagung "Research Insights"(Link zum Blog der Tagung)
  • zur Präsentation in und Anknüpfung mit der scientific community regen die Lehrenden des FB09 sehr an; den Besuch von Fachtagungen, Kongressen, etc. können sich Studierenden dann auch im Modul GS X "Wissenschaftlichen Engagement" für den Studienbereich der General Studies anerkennen lassen
  • eigenständige, studentische Forschung erfolgt auch mit der Erstellung der BA-/MA-Thesis, die in allen Studiengängen am FB09 im Rahmen des Abschlussmoduls mit begleitenden Seminaren unterstützt wird (im Lehramt ist ein Forschungsbezug explizit gefordert