Was bedeutet "Forschendes Lernen" an der Universität Bremen?

von Henning Koch

Der Arbeitskreis für Forschendes Lernen an der Universität Bremen veröffentlichte im Jahr 2014 ein Impulspapier. Darin hält er fest:

„Forschendes Lernen bringt die beiden zentralen Aufgaben der Universität - Lehre und Forschung - in einen engen, sich in besonderer Weise bereichernden Zusammenhang. Studierende sind aktiv gestaltend als eigenverantwortliche Partner mit eigenen Interessen und Kompetenzen am Lern- und Forschungsprozess beteiligt. Lehrende begleiten und unterstützen diese am aktuellen  Forschungsstand anknüpfende aktive Auseinandersetzung und kritische Diskussion und setzen so einen Kontrapunkt gegen eine zu Recht kritisierte Reduktion universitärer Lehre auf reine Wissensvermittlung und verschultes Studium.“ (Arbeitskreis „Forschendes Lernen“ an der Universität Bremen)

Der Arbeitskreis bezieht sich dabei auf Ludwig Huber, der Forschendes Lernen wie folgt definiert:

„Forschendes Lernen zeichnet sich vor anderen Lernformen dadurch aus, dass die Lernenden den Prozess eines Forschungsvorhabens, das auf die Gewinnung von, auch für Dritte, interessanten Erkenntnissen gerichtet ist, in seinen wesentlichen Phasen von der Entwicklung der Fragen und Hypothesen über die Wahl und Ausführung der Methoden bis zur Prüfung und Darstellung  der Ergebnisse in selbstständiger Arbeit oder aktiven Mitarbeit in einem übergreifenden Projekt (mit)gestalten, erfahren und reflektieren.“ (Huber 2009)

Das Forschende Lernen nimmt an der Universität Bremen einen besonderen Stellenwert ein. Dies wird insofern bestärkt, als dass es zu einem „Profilmerkmal“ der Lehre (Huber/ Kröger/ Schelhowe 2013) ernannt wurde. 

Auch ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Universität erklärt diesen besonderen Stellenwert: Seit ihrer Gründung im Jahr 1971 stand an der Universität Bremen die Idee des Projektstudiums im Mittelpunkt und konnte sich letztlich zu einem Strukturprinzip des Studiums durchsetzen (vgl. Schelhowe 2013). Bekannt wurde dieses Projektstudium als sogenanntes „Bremer Modell“ (Robben 2013). Ähnlich wie beim Forschenden Lernen wurden hier das frühzeitige selbstständige Lernen an gesellschaftlich relevanten Fragestellungen und die damit einhergehende gesellschaftliche Verantwortung der Forschenden sowie eine entsprechende Praxisorientierung im Studium zur Besonderheit.

Schließlich findet sich die Idee des Forschenden Lernens auch im Zukunftskonzept „Ambitioniert und agil“ wieder, mit dem sich die Universität Bremen erfolgreich im Rahmen der Exzellenzinitiative bewarb. Dort heißt es:     

„Forschendes Lernen umfasst forschungsanaloge Erfahrungen der Studierenden beim Entwickeln eigener Fragestellungen, beim methodischen Vorgehen, beim Entdecken von Zusammenhängen und bei der Überprüfung und Vorstellung von Ergebnissen. Forschendes Lernen nimmt den Lehr-Lern-Prozess aus der Perspektive der Studierenden in den Blick, ermutigt sie zum eigenständigen Urteil und beteiligt sie an der Formulierung von Forschungsfragen" (Universität Bremen)

Eine aktuelle Herausforderung bei der Umsetzung des Forschenden Lernens besteht darin, es sinnvoll in das Curriculum einzubinden. Dabei muss Forschendes Lernen nicht bedeuten, dass die Lehrenden und Studierenden im Rahmen eines einzelnen Moduls oder eines Seminars einen kompletten Forschungsprozess – von der Entwicklung der Fragen bis zur Darstellung der Ergebnisse -  gestalten und durchlaufen müssen. Vielmehr kann dieser Forschungsprozess auch fragmentiert werden und die Erfahrungen und Lerneffekte, die sich aus den Erlebnissen der einzelnen Forschungsschritte ergeben, verteilen sich so über das gesamte Studium.  

Hierzu hat Peter Tremp das Modell des sogenannten „Zürcher Framework“ entwickelt, in welchem er davon ausgeht, dass sich das „Forschende Tun“ in Etappen und Arbeiten gliedern lässt und diese Etappen wesentliche Orientierungspunkte für die Verbindung von Forschung und Lehre darstellen (Tremp/ Hildbrand 2012).

Peter Tremp begleitet die Universität Bremen als ausgewiesener Experte zu Belangen rund um das Forschende Lernen und hielt in dieser Funktion beispielsweise am Tag der Lehre 2014 einen Vortrag, der hier einzusehen ist.  

Eine weitere Besonderheit bei der Umsetzung des Forschenden Lernens an der Universität ist seine inhaltliche und theoretische Verknüpfung mit Themen rund um die Heterogenität der Studierenden. Der Prämisse folgend, dass das Forschende Lernen von den Lehrenden die Beziehungsaufnahme zu einzelnen Studierenden einfordert, resultiert in eine subjektorientierte und individuelle Wahrnehmung der Studierenden und somit in eine ungleichheitssensible Hochschullehre (Kaufmann/ Koch 2015).

Die Universität Bremen fördert auch an unserem Fachbereich 9 Initiativen rund um das Forschende Lernen. So wurden und werden dazu momentan Projekte im Rahmen von „ForstA -  Forschend studieren von Anfang an“ umgesetzt, die sich in den Qualitätspakt Lehre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eingliedern.

Zudem konnte sich der BA-Studiengang Kulturwissenschaft erfolgreich bei der Ausschreibung „Forschendes Lernen als Studiengang“ durchsetzen und startet im November 2015 mit einem entsprechenden Projekt.

Kontakt: Henning Koch